{"id":339,"date":"2020-05-10T13:00:54","date_gmt":"2020-05-10T11:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/meinungstreff.biebertaler-bilderbogen.de\/?p=55"},"modified":"2021-01-31T13:47:26","modified_gmt":"2021-01-31T12:47:26","slug":"das-mutti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/treffpunkte.bibibo.info\/?p=339","title":{"rendered":"Das Mutti"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am&nbsp;<a href=\"https:\/\/nachrichten.biebertaler-bilderbogen.de\/?p=2017\">30. April 2020<\/a>Von&nbsp;<a href=\"https:\/\/nachrichten.biebertaler-bilderbogen.de\/author\/alfons\/\">Dr. Alfons Lindemann<\/a>&nbsp;In&nbsp;<a href=\"https:\/\/nachrichten.biebertaler-bilderbogen.de\/category\/ohne-kategorie\/\">Allgemein<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/nachrichten.biebertaler-bilderbogen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/IMG-20200326-WA0009-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2019\" width=\"234\" height=\"312\"\/><figcaption>Foto: Lindemann<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie wunderbar arbeitet doch unser Gehirn, w\u00e4hrend wir nachts schlafen.<\/strong> Heute Morgen \u00fcberraschte es mich mit der Erinnerung an einen Artikel aus dem Jahre 1988.<br>Nicht dass ich mich hier (wie das Bild suggerieren k\u00f6nnte) mit unserem, sich abends ankuschelnden famili\u00e4ren Neuzugang als \u201edas Mutti\u201c f\u00fchlen w\u00fcrde oder aufspielen wollte, aber das Bild schien mir zum Thema passend, wie das Leben sich ver\u00e4ndert, wenn neue Mitglieder zur Familie kommen.<br>Damals hat mit der Artikel von Fee Zschocke beeindruckt, so dass ich ihn \u00fcber all die Jahre von PC zu PC behalten habe.<br>Gerade jetzt, wo wiedereinmal M\u00fctter und Frauen als die <strong>heimlichen Helden<\/strong> im Bewusstsein aufscheinen, fand ich den Text passend. Denn das Leben der mit Kindern Daheim bleibenden ist doch oft ganz andere, als es sich die im Beruf au\u00dferhalb der Familie arbeitenden vorstellen.<br>Ich w\u00fcnsche viel Vergn\u00fcgen beim Lesen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Meine geheimnisvolle Verwandlung vollzog sich an einem ganz normalen Montag, nachmittags <br>17:45 Uhr MEZ, von einer Minute auf die andere. Aus der Spezies &#8222;Frau&#8220; (w. <a href=\"http:\/\/meinungstreff.biebertaler-bilderbogen.de\/das-mutti\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Das Mutti<\/strong><\/a>, weiblich, besondere Kennzeichen: leichtsinnig, fr\u00f6hlich bis albern, sinnlich, kaprizi\u00f6s, attraktiv, witzig, mit einem Hang zum Luxus und zum sch\u00f6nen Phlegma) wurde die Gattung &#8222;das Mutti&#8220; (s\u00e4chlich, besondere Kennzeichen: bieder, belastbar, besorgt, ernsthaft, gen\u00fcgsam, nerv\u00f6s, 24 Stunden voll im Einsatz). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mutti ist streng geschlechtsneutral und kommt \u00fcberall\nauf der Welt vor; geh\u00e4uft auf Kinderspielpl\u00e4tzen. Zu erkennen ist das Mutti an\nseiner bellenden oder schrillen Tonlage: &#8222;Stefan! Sofort runter da, sonst\nsetzt es was!!&#8220;, und an einem rastlosen Bet\u00e4tigungsdrang (bevorzugte\nT\u00e4tigkeiten: stricken, Rotz abwischen, backe-backe-Kuchen-machen, M\u00fctzen ab-\nund aufsetzen, Apfelsinen sch\u00e4len, Fl\u00e4schchen sch\u00fctteln, K\u00fcsschen oder Kn\u00fcffe\nverteilen). Sitzt das Mutti wider Erwarten mal ganz ruhig da, ist zumindest der\nFu\u00df in Bewegung: der schaukelt den Kinderwagen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mutti tritt niemals allein auf, sondern ist stets\nrudelweise von seinen Jungen umgeben. Sind diese noch klein, tr\u00e4gt das Mutti\nsie in einer textilen Ausbuchtung vor Bauch und R\u00fccken geschnallt (\u00e4hnlich dem\naustralischen K\u00e4nguru, jedoch bewegt sich das Mutti nur selten h\u00fcpfend\nvorw\u00e4rts). Wenn die Jungen gr\u00f6\u00dfer sind und aufrecht gehen k\u00f6nnen, \u00fcbt es\ngeduldig die T\u00e4tigkeit des &#8222;Spazierenstehens&#8220; aus. W\u00e4hrend das\nMutti-Junge sich im Matsch suhlt, jedes Steinchen auf seine Verwendbarkeit\nuntersucht, Grashalme fri\u00dft oder tiefsinnig sein Spiegelbild in Pf\u00fctzen\nbetrachtet, bleibt das Mutti einfach stehen. So verbringt es einen Gro\u00dfteil\nseiner Zeit in K\u00e4lte und N\u00e4sse ausharrend, stumm, schicksalsergeben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mutti ist Frau nicht von Geburt an, zum Mutti wird sie gemacht. Viele Frauen bezeichnen diesen Hergang als \u00e4u\u00dferst lustvoll; wahrscheinlich gibt es deshalb so viele Muttis in der Welt. Die wenigsten machen sich klar, was die Mutti-Metamorphose bedeutet. Auf jeden Fall ist es ein irreversibler Prozess: einmal Mutti &#8211; immer Mutti. Was sich auch darin ausdr\u00fcckt, dass manche &#8222;Vatis&#8220; (m\u00e4nnlich, besondere Kennzeichen: oft aush\u00e4usig, meist pascham\u00e4\u00dfig auf Draht und windelm\u00e4\u00dfig unerfahren, auch &#8211; oder gerade &#8211; nach der Geburt der Jungen unentwegt um die begehrenswertere Spezies &#8222;Frau&#8220; herumbalzend) es fortan neutral &#8222;Mutti&#8220; nennen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Aufzucht (&#8222;Sozialisation&#8220;) sind stets wir\nMuttis allein zust\u00e4ndig &#8211; eine Aufgabe, in der wir f\u00fcr den Rest unseres Lebens\naufzugehen haben. Durchdrungen von der existentiellen Wichtigkeit des\nBrutpflegetriebs, werden wir durch st\u00e4ndige Adrenalinaussch\u00fcttung\noffensichtlich jahrelang zu H\u00f6chstleistungen angetrieben. Einem Mutti &#8211; und\ndarin erweist sich die ausgesprochene Widerstandsf\u00e4higkeit dieser \u00e4u\u00dferlich\nschutzbed\u00fcrftigen, innerlich aber erstaunlich z\u00e4hen Gattung &#8211; macht es nichts\naus, drei- bis viermal pro Nacht das warme Nest zu verlassen, um die br\u00fcllenden\nJungen mit Nahrung zu versorgen. Eine Mutti \u00f6det es nicht an, t\u00e4glich den\nimmergleichen Brei zu bereiten und den immergleichen Spielplatz mit den\nimmergleichen Mit-Muttis aufzusuchen und dort die immergleichen Gespr\u00e4che zu\nf\u00fchren. Wer sich als Artfremder mit uns Muttis unterhalten will, f\u00fchlt sich\nbinnen kurzem au\u00dfen vor. Haben wir Muttis doch eine Art Geheim-Code entwickelt,\nmit dem wir uns m\u00fchelos untereinander verst\u00e4ndigen: Da wimmelt es pl\u00f6tzlich von\nWorten wie Strampelpeterfixis, Paidi, Peaudoux oder Osh-Kosh, es gibt Duplos,\nden Snuggli, den Schniedelwutz oder den Pipi-Mann, die Tut-tut-Bahn, das\nTat\u00fc-Tata und das Hoppe-Hoppe; da schwirren so exotische Begriffe durch die\nLuft wie &#8222;Apgar-Test&#8220;, &#8222;Pipi-Mann&#8220;,\n&#8222;Ur-Vertrauen&#8220;, &#8222;rechtsdrehender Joghurt&#8220; oder\n&#8222;Drei-Monats-Koliken&#8220;&#8230; Kurz: Besonders Jung-Muttis, die sich in\nihrem fr\u00fcheren Dasein als Frau profiliert haben, indem sie ihr Abi mit\n&#8222;Eins&#8220; und ihr Examen mit &#8222;cum laude&#8220; gemacht haben, machen\nin der Regel eine seltsame intellektuelle Regression durch. Wie alle Muttis\ndieser Welt verfallen sie in eine Art fr\u00fchkindlicher Stammel-Sprache, deren\nHauptbestandteil das Diminutiv ist (&#8222;Will Dodolein jetzt Heia-Heia machen?\nAber erst kriegt Dodolein noch ein K\u00fcssilein . . . -). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mutti-Metamorphose ist in allen Bereichen des t\u00e4glichen\nLebens sp\u00fcrbar. Statt &#8222;Die Liebe in den Zeiten der Cholera&#8220; liest das\nMutti jetzt &#8222;Die H\u00e4schenschule&#8220;, statt raffiniertem &#8222;Kaninchen\nin Senf-Sauce&#8220; bereitet es gesunden, salzlosen Blumenkohl, statt zu\n&#8222;Cabaret&#8220; geht es ins Kindertheater zu &#8222;Peterchens\nMondfahrt&#8220;. Und beim Shopping halten wir Muttis nicht etwa nach einem\ngetupften Ballon-Rock f\u00fcr uns, sondern nach einer strapazierf\u00e4higen Latzhose\nf\u00fcr das J\u00fcngste Ausschau, gen\u00fcgsam, wie wir nun mal sind. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am verbl\u00fcffendsten aber ist die optische Verwandlung des\nMuttis. Knallenge Calvin-Klein-Jeans, spitzenbesetzte BHs unter schimmernden\nSeidenblusen, verf\u00fchrerische St\u00f6ckel oder ausgeflippte 50er-Jahre-Klamotten &#8211;\nalles pass\u00e9. Das Mutti, ewig mit Brei bekleckert und ewig in Zeitnot, hat sein\nfarbenfrohes Kleid abgelegt, mit dem es einst Vati zur Balz aufforderte. Bequeme\nJeans, Turnschuhe, ein weites Sweatshirt &#8211; so etwa sieht der Einheitslook des\nmitteleurop\u00e4ischen Mutti-Tiers aus. Verhaltensforscher sprechen inzwischen\nschon von einem deutlich ausgepr\u00e4gten &#8222;Mimikry-Effekt&#8220;: Je grauer und\neint\u00f6niger der Alltag des Muttis zwischen K\u00fcche-Kacke-Kindergarten ist, desto\ngrauer und einfallsloser kleidet es sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Vati? Vati, der all das gewollt und verursacht hat?\nVati schmollt. Er f\u00fchlt sich, zumindest im ersten Jahr, um all das betrogen,\nwas ihm bis dahin lieb und teuer war &#8211; seine ungest\u00f6rte Nachtruhe. Sein\ngeregeltes Sexualleben. Seine spontanen, ausgedehnten Kneipen Touren. Seine\nsaubere, untadelig aufger\u00e4umte Wohnung. Seine stets perfekt angezogene\nVorzeige-Frau. Seine Vorrangstellung im Herzen derselben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt dessen sitzt er da mit diesem v\u00f6llig fremden Wesen, dem Mutti, und leidet unter dem sogenannten &#8222;Baby-Schock&#8220; &#8211; Symptome: n\u00e4chtliche Schwei\u00dfausbr\u00fcche bei der ersten lautstarken Unmuts\u00e4u\u00dferung des Babys, ein heftiges, langanhaltendes Gef\u00fchl der Unzul\u00e4nglichkeit dem Mutti gegen\u00fcber (&#8222;Was, zum Teufel, ist teiladaptierte Milch&#8230;?&#8220;) und des Ausgeliefertseins, das oft klaustrophobische Z\u00fcge annimmt (&#8222;Hier komm&#8216; ich nie mehr raus, das geht jetzt zwanzig Jahre lang so weiter . . .&#8220;), nie gekannte seelische Wechselb\u00e4der von unb\u00e4ndigem Stolz bis zur ohnm\u00e4chtigen Wut. Unter dieser Schockeinwirkung &#8211; also im Stadium der Unzurechnungsf\u00e4higkeit &#8211; erliegen manche V\u00e4ter gern der n\u00e4chstbesten Versuchung, deren Name &#8222;Weib&#8220; ist, und trennen sich vom Mutti. Doch es n\u00fctzt alles nichts. An einem x-beliebigen Mittwoch, um 13:34 Uhr, ist es mal wieder soweit &#8211; ein zarter Schrei &#8211; und aus einer Frau&#8220; wird ein &#8222;Mutti&#8220; .&#8220; . . <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: Fee Zschocke, Das Mutti, in der Zeitschrift &gt;Brigitte&lt; 3\/1988<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am&nbsp;30. April 2020Von&nbsp;Dr. Alfons Lindemann&nbsp;In&nbsp;Allgemein Wie wunderbar arbeitet doch unser Gehirn, w\u00e4hrend wir nachts schlafen. 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